VividVisions

by Walter Krivanek

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Anatomie eines kleinen Protestes

Vor einem halben Jahr suchte die ÖVP mit großem Getöse „den Superpraktikanten”. Gefunden hat sie anfangs aber hauptsächlich ÖVP-kritische Bewerbungen und solche, die sich über die ganze Aktion lustig machten. Pünktlich zum Finale wurden diese allerdings stimmenmäßig von parteinäheren Personen überholt, bis schließlich Vizekanzler Josef Pröll eine glückliche Gewinnerin in die Kamera halten durfte.

Nicht nur die ominöse Stimmvermehrung stand in der Kritik, sondern auch, dass die Regierungspartei damit unbezahlte Volontariate in einer für Jugendliche ohnehin schwierigen Wirtschaftslage bewerbe (Quelle: ots.at). Auf einen weiteren Kritikpunkt wurde ich durch folgende Tweets aufmerksam gemacht:

Superpraktikantin Tweets

Davon angeregt, stellte ich fest, dass es die Partei nicht einmal der Mühe wert gefunden hatte, die Domain superpraktikantin.at zu registrieren. Ein paar Mausklicks später gehörte sie mir und die Idee für einen kleinen Protest ward geboren.

Schnell wurde ein Layout so nah wie möglich am Original entworfen, der §9 des Gleichbehandlungsgesetzes zitiert und einfachste Möglichkeiten zur Verbreitung über Twitter und Facebook hinzugefügt. Auch ein Facebook-optimiertes Vorschaubild durfte nicht fehlen.

Superpraktikantin Screenshot

Kurze Zeit später war alles zusammengefügt, ich konnte meinen kleinen Protest also starten und gleichzeitig damit auch ein Experiment: Wieviele Besuche würde ich generieren, wenn ich als Bewerbung nur jeweils eine einzige Nachricht mit Link über Twitter und Facebook absetze?

Auswertung

Gesamt* Erste 24h
Eindeutige Besuche 7.600 1.500 (20%)
Seitenansichten 11.000 2.200 (20%)
Retweets** 90 65 (72%)
Facebook Posts 485 65 (13%)

* Stand: 19.05.2010
** Retweets über TweetMeme.com. Es gab noch einige zusätzliche Verlinkungen über Twitter, die aber offenbar von TweetMeme nicht mitgerechnet wurden und hier auch nicht ausgewiesen sind.

In den ersten 24 Stunden kamen 1.500 Leute auf die Seite, das ist ein Fünftel aller Besuche bis zum heutigen Tag. Circa 9% davon verbreiteten die Seite weiter und während anfangs dafür Twitter und Facebook gleichermaßen eingesetzt wurden, erwies sich Facebook auf Dauer als wesentlich effektiver.

Beim Suchwort „Superpraktikantin” wird die Seite bei Google mittlerweile an zweiter Stelle, gleich unter dem Original angezeigt. Dies ist auch die Quelle der meisten aktuellen Besuche.

Die Zugriffstatistik zeigt deutlich, dass die Protestaktion hauptsächlich von den initialen Verteilerinnen und Verteilern getragen wurde.

Statistiken Superpraktikantin

Die zweite große Welle kam über einen Artikel im Online-Standard, der am 11. November – kurz nachdem ich (völlig unvorbereitet) der freundlichen Dame von der APA ein Kurzinterview gab – erschien. Eine Galerie auf diePresse.com war die letzte größere Quelle, bevor der Zugriffsstrom abebbte und sich (bis heute) bei einer handvoll Besuche pro Tag einpendelte.

Gemessen am Aufwand und den vielen positiven Rückmeldungen, wofür ich mich ganz artig bedanken möchte, bewerte ich die Aktion sowohl im Sinne einer Protestaktion als auch einer Feldstudie als einen schönen Erfolg.

Überwachungsstaat ohne Kontrolle

Gestern fanden im Rahmen des vierten TU-Forums interessante Vorträge zum Thema „Überwachungsstaat ohne Kontrolle” statt. Die Mit-Initiatoren der parlamentarischen Petition „SOS Überwachung”, über die ich ja bereits berichtet hatte, sprachen über die technischen und rechtlichen Grundlagen des novellierten Sicherheitspolizeigesetzes – und natürlich auch über ihren Kampf dagegen.

Prädikat: Hörenswert! Für alle, die das versäumt haben, gibt es einen kompletten Audio-Mitschnitt auf dem Freewave Blog. Es ist immer wieder erschreckend zu hören, was für Methoden die Regierung in einem demokratischen Rechtsstaat anwendet und mit welchen Begründungen sie diese rechtfertigt.

Interessant war auch eine Anmerkung aus dem Publikum über die Schizophrenie im Umgang mit der Privatsphäre im Internet. Auf der einen Seite kämpfen wir gegen einen Staat, der immer mehr unsere Grundrechte beschneidet und auf der anderen Seite stellen viele Menschen bereitwillig sehr private Informationen und Bilder auf diversen Plattformen wie zum Beispiel XING, Flickr, Facebook und Co. der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Das zeigt einmal mehr, dass das Internet erst in den Kinderschuhen steckt und dass wir, sowohl individuell als auch als Gesellschaft, erst lernen müssen damit umzugehen.

Funny, for all surveillance, Osama bin Laden is still free — and we’re not. Guess who’s winning the “war on terror?”
Quelle: boingboing

Up here, silly